Ruf nach Zensur: Die Kontrolle der Sprache als Anti-Aufklärung

Wenn der Sprachgebrauch auf „falsche“ und „richtige“ Inhalte ausgedehnt wird, wird er zur Gefahr für die Meinungsfreiheit.
„Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.
François-Marie Arouet, alias Voltaire

Die grotesken Auswüchse der politischen Korrektheit und die sich rasch ausbreitende Etikette der gendergerechten, barrierefreien, ethno-sensiblen, geschichtsbewussten, klimaneutralen, generationenkorrekten, religionsbefreiten, ideologiebereinigten, ressourcenschonenden und was-sonst-noch-streichelweichen und klinisch sauberen Nihilistensprache sind zwar für sich genommen kabarettreif, aber von unfreiwilliger Komik allein werden wir nicht satt“, schrieb Kollege Ernst Sittinger in der „Kleinen Zeitung“.

Jemand, der als Politikwissenschaftler und „Antirassismus-Trainer“ (was immer das sein mag) vorgestellt wird, schrieb kürzlich in einem Zeitungskommentar ganz unverblümt: „Die Gefahr für die Meinungsfreiheit kommt von rechts“. Das ist wenigstens eine klare Weltsicht.

Auf Deutsch bedeutet sie: Es gibt Meinungen, die gut und richtig sind und die geäußert werden dürfen – und das sind linke und politisch korrekte. Das, was Ernst Sittinger, ehemals innenpolitischer Redakteur der „Presse“, als beißende Satire formuliert hat, ist also bitterer Ernst.

In den USA bekommen Universitätsprofessoren von Studenten immer öfter zu hören: „I feel offended.“ Nicht, dass der Professor sie etwa persönlich beleidigt hätte. Nein, er hat nur eine Meinung vertreten, die ihnen nicht passt oder eine Information gegeben, die sie nicht hören wollen. Sie reagieren darauf aber nicht mit einer Gegenmeinung oder mit einer Frage, woraus sich ein intellektueller Diskurs und am Ende ein Zuwachs an Erkenntnis ergeben könnte, sondern mit Moral. Es heißt dann nicht: „Was Sie sagen, stimmt nicht“, sondern: „Sie dürfen das nicht sagen!“

Als der Mathematiker Rudolf Taschner einmal in einem „Quergeschrieben“ für die „Presse“ die gängige Klima-Ideologie in Zweifel zog, wurde ihm nicht etwa entgegengehalten, er habe unrecht. Es wurde verlangt, dass er das nicht mehr schreiben dürfe, er sei nämlich ein „Klimaleugner“.
Ein anderer Kolumnist verwendete die Formulierung „angeblich drohende Klimakatastrophe“. Darauf beklagte sich ein bekannter ORF-Moderator auf Twitter, dass das „unzensuriert“ erscheinen durfte. Man glaubte, nicht recht zu lesen. Dieselben Leute, die für sich – vollkommen zu Recht übrigens – jede Meinungsfreiheit in Anspruch nehmen, rufen nach der Zensur, wenn ein anderer seine Meinung vertritt.

„Nennt mich nicht Nigger“, hieß ein Titel in einer Taschenbuch-Reihe des katholischen Herder-Verlags in den 1950er-Jahren. Der jugendliche Leser, der ich damals war, bekam eine erste Lektion davon, was später als „politische Korrektheit“ um die Welt gehen sollte. Der Kerngedanke der „political correctness“ ist es, Bezeichnungen oder Namen für jemanden nicht zu verwenden, die dieser selbst angeblich oder wirklich nicht auf sich angewendet haben will.

Aus dem entwickelte sich in der akademischen Welt der Ost-und Westküste der USA ein weit verzweigtes System der Rücksichtnahme auf vermeintliche oder wirkliche Empfindlichkeiten von Minderheiten durch Manipulation der Sprache. Nicht mehr der weiße, heterosexuelle, dem angelsächsischen Kulturkreis zugehörige Mann sollte das Maß der Dinge sein. Dafür wurde die Bezeichnung „kaukasisch“ erfunden. Wie der Kaukasus dazu kommt, ist unerfindlich.

Immer neue Opfer

Der neue akademische Knigge ist der Antirassismus und Antisexismus. Dass damit auch die Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt wird, ist unvermeidlich. In Deutschland etwa werden Migrationsforscher, die Migranten nicht nur als Opfer darstellen, von ihren eigenen Universitäten drangsaliert. Die Unkultur der Rede- und damit Denkreglementierung wird auch bei uns den Studenten beigebracht, wenn die Verwendung von politisch korrekter Sprache in die Beurteilung einer Arbeit einbezogen wird.

Die „political correctness“ braucht und findet immer neue Menschen und Gruppen, die sie als Opfer definieren kann. Sie hat dazu ein Vokabular entwickelt, das den Opferstatus des damit Bezeichneten schon in sich trägt. Ein Eingeborener muss ein Indigener sein und gehört als solcher einer „vulnerablen“ Gruppe an.
Vulnerabel ist überhaupt ein Schlüsselwort dieser Sprache. Deshalb darf man zum Beispiel nicht mehr Zigeuner sagen, obwohl sich diese selbst oft so nennen, weil sie den paternalistischen und verächtlichen Zug durchschaut haben, der in ihrer vermeintlichen Schutzbedürftigkeit liegt. In diesem Fall überlistet sich die politische Korrektheit allerdings selbst, wenn das verpönte Wort dann in der eigenen Propaganda als antiziganistisch wieder auftaucht.

Anspruch auf höhere Moral

Der Grundgedanke von „political correctness“ ist die Vorstellung, dass Gerechtigkeit nur in totaler Gleichheit bestehen kann und dass jede Ungleichbehandlung per se eine Diskriminierung ist, auch und gerade dann, wenn die Voraussetzungen verschieden sind. Der größte Skandal muss dann die unhintergehbare Tatsache der ungleichen Ausstattung der Menschen durch die Natur, vor allem die geschlechtliche Bestimmung sein. Deshalb wird folgerichtig das Geschlecht nicht als biologische Tatsache akzeptiert, sondern muss als soziale Zuschreibung definiert werden, die prinzipiell verfügbar ist.

Eine völlig andere und die Meinungsfreiheit und Demokratie gefährdende Dimension aber hat die politische Korrektheit dadurch bekommen, dass sie nicht mehr nur einen Sprachgebrauch einführen will oder einen anderen verpönt, um Schwache oder Minderheiten zu schützen, sondern überhaupt Meinungen als nicht zulässig und andere als allein legitim erklärt, wobei für letztere eine höhere Moral in Anspruch genommen wird. Ironischerweise haben sich das bestimmte Vertreter des Islam zunutze gemacht. Um ihre Religion der öffentlichen Debatte zu entziehen, haben sie das Wort Islamophobie erfunden, mit dem jede kritische Frage als Ausdruck von Feindseligkeit denunziert wird.

Eingeschüchterte Mehrheit

Wie diese Mechanismen funktionieren, ist nicht einfach zu durchschauen. Aber es läuft darauf hinaus, dass formulierungsstarke Minderheiten eine Deutungshoheit erringen, gegen die es zwar möglicherweise eine schweigende Mehrheit gibt, die sich aber nicht artikulieren kann und durch die Medien eingeschüchtert wird.

Die deutsche Politologin Barbara Zehnpfennig sieht eine Ursache für das Phänomen im ständigen Wechsel der politischen Führerschaft in der Parteiendemokratie: „Im Grunde ist die geistige Führungsrolle vakant.“ Der deutsche Ex-Bundespräsident Roman Herzog, ein scharfsinniger Denker, hat die Ansprüche der „political correctness“ klar zurückgewiesen: „Die politische Korrektheit kann keine legitime Grenze der Meinungsfreiheit sein“. Das würde wohl auch Voltaire so sehen.

Wer den berühmten Satz der englischen Philosophin Evelyn Beatrice Hall: “Ich verachte Dich für Deine Meinung, aber ich würde dafür sterben, dass Du sie sagen kannst!” nicht vorbehaltlos unterschreibt und mitträgt, ist mit einem Bein schon im Totalitarismus.

Tja – die Gefahr von rechts ist gegeben. Ebenso die Gefahr von links. Und auch die Gefahr von jener Seite, die bar jeglichen historischem Wissen in jedem Namen eine rassistische Diskriminierung sehen.
Siehe „Mohrenapotheke“ – die ja schon sehr lange existiert – und damals aus Respekt vor dem medizinischen Wissen der Mauren (Mohren) so genannt wurde.
Es stimmt – später wurde dieses Wort dann generell für Menschen schwarzer Hautfarbe verwendet – inzwischen ist es aber nicht mehr im Gebrauch und somit bar jeglicher rassistischer Bedeutung.

In diesem Kontext werden Kinderbücher umgeschrieben und sogar klassische Literatur neu bewertet – was einer „moralischen Bücherverbrennung“ gleich kommt.

Es existiert also sehr wohl eine Gefährdung – von „beiden“ Seiten.
Es ist gut, rechts genau im Auge zu haben – dabei darf man aber das linke Auge nicht schließen.

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