{"id":2514,"date":"2020-07-16T13:57:16","date_gmt":"2020-07-16T13:57:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.peter-simon.at\/solutions\/?p=2514"},"modified":"2020-09-07T11:24:30","modified_gmt":"2020-09-07T09:24:30","slug":"ruf-nach-zensur-die-kontrolle-der-sprache-als-anti-aufklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/ruf-nach-zensur-die-kontrolle-der-sprache-als-anti-aufklaerung\/","title":{"rendered":"Ruf nach Zensur: Die Kontrolle der Sprache als Anti-Aufkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<div class=\"paragraph\" style=\"padding: 0px 20px;\">\n<span style=\"color: #339966;\"><em>\u201eMein Herr, ich teile <\/em><em>Ihre Meinung nicht, <\/em><em>aber ich w\u00fcrde mein <\/em><em>Leben daf\u00fcr einsetzen, dass <\/em><\/span><em><span style=\"color: #339966;\">Sie sie \u00e4u\u00dfern d\u00fcrfen.<\/span><br \/>\n<\/em><em>Fran\u00e7ois-Marie Arouet, alias Voltaire<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Die grotesken Ausw\u00fcchse der politischen Korrektheit und die sich rasch ausbreitende Etikette der gendergerechten, barrierefreien, ethno-sensiblen, geschichtsbewussten, klimaneutralen, generationenkorrekten, religionsbefreiten, ideologiebereinigten, ressourcenschonenden und was-sonst-noch-streichelweichen und klinisch sauberen Nihilistensprache sind zwar f\u00fcr sich genommen kabarettreif, aber von unfreiwilliger Komik allein werden wir nicht satt\u201c, schrieb Kollege Ernst Sittinger in der \u201eKleinen Zeitung\u201c.<\/p>\n<p>Jemand, der als Politikwissenschaftler und \u201eAntirassismus-Trainer\u201c (was immer das sein mag) vorgestellt wird, schrieb k\u00fcrzlich in einem Zeitungskommentar ganz unverbl\u00fcmt: \u201eDie Gefahr f\u00fcr die Meinungsfreiheit kommt von rechts\u201c. Das ist wenigstens eine klare Weltsicht.<\/p>\n<p>Auf Deutsch bedeutet sie: Es gibt Meinungen, die gut und richtig sind und die ge\u00e4u\u00dfert werden d\u00fcrfen \u2013 und das sind linke und politisch korrekte. Das, was Ernst Sittinger, ehemals innenpolitischer Redakteur der \u201ePresse\u201c, als bei\u00dfende Satire formuliert hat, ist also bitterer Ernst.<\/p>\n<p>In den USA bekommen Universit\u00e4tsprofessoren von Studenten immer \u00f6fter zu h\u00f6ren: \u201eI feel offended.\u201c Nicht, dass der Professor sie etwa pers\u00f6nlich beleidigt h\u00e4tte. Nein, er hat nur eine Meinung vertreten, die ihnen nicht passt oder eine Information gegeben, die sie nicht h\u00f6ren wollen. Sie reagieren darauf aber nicht mit einer Gegenmeinung oder mit einer Frage, woraus sich ein intellektueller Diskurs und am Ende ein Zuwachs an Erkenntnis ergeben k\u00f6nnte, sondern mit Moral. Es hei\u00dft dann nicht: \u201eWas Sie sagen, stimmt nicht\u201c, sondern: \u201eSie d\u00fcrfen das nicht sagen!\u201c<\/p>\n<p>Als der Mathematiker Rudolf Taschner einmal in einem \u201eQuergeschrieben\u201c f\u00fcr die \u201ePresse\u201c die g\u00e4ngige Klima-Ideologie in Zweifel zog, wurde ihm nicht etwa entgegengehalten, er habe unrecht. Es wurde verlangt, dass er das nicht mehr schreiben d\u00fcrfe, er sei n\u00e4mlich ein \u201eKlimaleugner\u201c.<br \/>\nEin anderer Kolumnist verwendete die Formulierung \u201eangeblich drohende Klimakatastrophe\u201c. Darauf beklagte sich ein bekannter ORF-Moderator auf Twitter, dass das \u201eunzensuriert\u201c erscheinen durfte. Man glaubte, nicht recht zu lesen. Dieselben Leute, die f\u00fcr sich \u2013 vollkommen zu Recht \u00fcbrigens \u2013 jede Meinungsfreiheit in Anspruch nehmen, rufen nach der Zensur, wenn ein anderer seine Meinung vertritt.<\/p>\n<p>\u201eNennt mich nicht Nigger\u201c, hie\u00df ein Titel in einer Taschenbuch-Reihe des katholischen Herder-Verlags in den 1950er-Jahren. Der jugendliche Leser, der ich damals war, bekam eine erste Lektion davon, was sp\u00e4ter als \u201epolitische Korrektheit\u201c um die Welt gehen sollte. Der Kerngedanke der \u201epolitical correctness\u201c ist es, Bezeichnungen oder Namen f\u00fcr jemanden nicht zu verwenden, die dieser selbst angeblich oder wirklich nicht auf sich angewendet haben will.<\/p>\n<p>Aus dem entwickelte sich in der akademischen Welt der Ost-und Westk\u00fcste der USA ein weit verzweigtes System der R\u00fccksichtnahme auf vermeintliche oder wirkliche Empfindlichkeiten von Minderheiten durch Manipulation der Sprache. Nicht mehr der wei\u00dfe, heterosexuelle, dem angels\u00e4chsischen Kulturkreis zugeh\u00f6rige Mann sollte das Ma\u00df der Dinge sein. Daf\u00fcr wurde die Bezeichnung \u201ekaukasisch\u201c erfunden. Wie der Kaukasus dazu kommt, ist unerfindlich.<\/p>\n<h2>Immer neue Opfer<\/h2>\n<p>Der neue akademische Knigge ist der Antirassismus und Antisexismus. Dass damit auch die Wissenschaftsfreiheit eingeschr\u00e4nkt wird, ist unvermeidlich. In Deutschland etwa werden Migrationsforscher, die Migranten nicht nur als Opfer darstellen, von ihren eigenen Universit\u00e4ten drangsaliert. Die Unkultur der Rede- und damit Denkreglementierung wird auch bei uns den Studenten beigebracht, wenn die Verwendung von politisch korrekter Sprache in die Beurteilung einer Arbeit einbezogen wird.<\/p>\n<p>Die \u201epolitical correctness\u201c braucht und findet immer neue Menschen und Gruppen, die sie als Opfer definieren kann. Sie hat dazu ein Vokabular entwickelt, das den Opferstatus des damit Bezeichneten schon in sich tr\u00e4gt. Ein Eingeborener muss ein Indigener sein und geh\u00f6rt als solcher einer \u201evulnerablen\u201c Gruppe an.<br \/>\nVulnerabel ist \u00fcberhaupt ein Schl\u00fcsselwort dieser Sprache. Deshalb darf man zum Beispiel nicht mehr Zigeuner sagen, obwohl sich diese selbst oft so nennen, weil sie den paternalistischen und ver\u00e4chtlichen Zug durchschaut haben, der in ihrer vermeintlichen Schutzbed\u00fcrftigkeit liegt. In diesem Fall \u00fcberlistet sich die politische Korrektheit allerdings selbst, wenn das verp\u00f6nte Wort dann in der eigenen Propaganda als antiziganistisch wieder auftaucht.<\/p>\n<h2>Anspruch auf h\u00f6here Moral<\/h2>\n<p>Der Grundgedanke von \u201epolitical correctness\u201c ist die Vorstellung, dass Gerechtigkeit nur in totaler Gleichheit bestehen kann und dass jede Ungleichbehandlung per se eine Diskriminierung ist, auch und gerade dann, wenn die Voraussetzungen verschieden sind. Der gr\u00f6\u00dfte Skandal muss dann die unhintergehbare Tatsache der ungleichen Ausstattung der Menschen durch die Natur, vor allem die geschlechtliche Bestimmung sein. Deshalb wird folgerichtig das Geschlecht nicht als biologische Tatsache akzeptiert, sondern muss als soziale Zuschreibung definiert werden, die prinzipiell verf\u00fcgbar ist.<\/p>\n<p>Eine v\u00f6llig andere und die Meinungsfreiheit und Demokratie gef\u00e4hrdende Dimension aber hat die politische Korrektheit dadurch bekommen, dass sie nicht mehr nur einen Sprachgebrauch einf\u00fchren will oder einen anderen verp\u00f6nt, um Schwache oder Minderheiten zu sch\u00fctzen, sondern \u00fcberhaupt Meinungen als nicht zul\u00e4ssig und andere als allein legitim erkl\u00e4rt, wobei f\u00fcr letztere eine h\u00f6here Moral in Anspruch genommen wird. Ironischerweise haben sich das bestimmte Vertreter des Islam zunutze gemacht. Um ihre Religion der \u00f6ffentlichen Debatte zu entziehen, haben sie das Wort Islamophobie erfunden, mit dem jede kritische Frage als Ausdruck von Feindseligkeit denunziert wird.<\/p>\n<h2>Eingesch\u00fcchterte Mehrheit<\/h2>\n<p>Wie diese Mechanismen funktionieren, ist nicht einfach zu durchschauen. Aber es l\u00e4uft darauf hinaus, dass formulierungsstarke Minderheiten eine Deutungshoheit erringen, gegen die es zwar m\u00f6glicherweise eine schweigende Mehrheit gibt, die sich aber nicht artikulieren kann und durch die Medien eingesch\u00fcchtert wird.<\/p>\n<p>Die deutsche Politologin Barbara Zehnpfennig sieht eine Ursache f\u00fcr das Ph\u00e4nomen im st\u00e4ndigen Wechsel der politischen F\u00fchrerschaft in der Parteiendemokratie: \u201eIm Grunde ist die geistige F\u00fchrungsrolle vakant.\u201c Der deutsche Ex-Bundespr\u00e4sident Roman Herzog, ein scharfsinniger Denker, hat die Anspr\u00fcche der \u201epolitical correctness\u201c klar zur\u00fcckgewiesen: \u201eDie politische Korrektheit kann keine legitime Grenze der Meinungsfreiheit sein\u201c. Das w\u00fcrde wohl auch Voltaire so sehen.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"artikel\" style=\"padding:5px 10px; border:solid grey 1px; border-radius:5px; background-color:ivory; width:inherit; margin:8px auto;\">\nWer den ber\u00fchmten Satz der englischen Philosophin Evelyn Beatrice Hall: &#8220;Ich verachte Dich f\u00fcr Deine Meinung, aber ich w\u00fcrde daf\u00fcr sterben, dass Du sie sagen kannst!&#8221; nicht vorbehaltlos unterschreibt und mittr\u00e4gt, ist mit einem Bein schon im Totalitarismus.<\/p>\n<div>\n<p>Tja &#8211; die Gefahr von rechts ist gegeben. Ebenso die Gefahr von links. Und auch die Gefahr von jener Seite, die bar jeglichen historischem Wissen in jedem Namen eine rassistische Diskriminierung sehen.<br \/>\nSiehe \u201eMohrenapotheke\u201c &#8211; die ja schon sehr lange existiert &#8211; und damals aus Respekt vor dem medizinischen Wissen der Mauren (Mohren) so genannt wurde.<br \/>\nEs stimmt &#8211; sp\u00e4ter wurde dieses Wort dann generell f\u00fcr Menschen schwarzer Hautfarbe verwendet &#8211; inzwischen ist es aber nicht mehr im Gebrauch und somit bar jeglicher rassistischer Bedeutung.<\/p>\n<p>In diesem Kontext werden Kinderb\u00fccher umgeschrieben und sogar klassische Literatur neu bewertet &#8211; was einer \u201emoralischen B\u00fccherverbrennung\u201c gleich kommt.<\/p>\n<p>Es existiert also sehr wohl eine Gef\u00e4hrdung &#8211; von \u201ebeiden\u201c Seiten.<br \/>\nEs ist gut, rechts genau im Auge zu haben &#8211; dabei darf man aber das linke Auge nicht schlie\u00dfen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der Sprachgebrauch auf \u201efalsche\u201c und \u201erichtige\u201c Inhalte ausgedehnt wird, wird er zur Gefahr f\u00fcr die Meinungsfreiheit. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[10,11,12,13],"class_list":["post-2514","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-political-correctness","tag-corona","tag-politischen-korrektheit","tag-rassismus","tag-toleranz","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2514","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2514"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2514\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2831,"href":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2514\/revisions\/2831"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2514"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2514"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-simon.at\/old-simon-says\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2514"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}